“Hysterisches Glamour”
Stereo Total vorzustellen dürfte mittlerweile überflüssig sein. Das Deutsch-Französische Duo, bestehend aus Françoise Cactus und Brezel Göring, spielt seit Mitte der 90er Jahren Underground-Elektropopsongs – und das nicht nur mit französischem Akzent, sondern auch in verschiedenen Sprachen. Zuletzt brachten sie eine Stereo Total-Spezial-Quebec-CD („Carte Postale De Montréal“), sowie ein “Best Of”-Album auf Spanisch („No Controles“) heraus. Ihr letztes reguläres Album „Paris ↔ Berlin“ erschien 2007 bei Disko B und Kill Rock Stars (US).

Baby Ouh!
Nun kommt ihre neue(ste) Platte. Sie heißt: „Baby Ouh!“. Der Look: “hysterisches Glamour”. Der Sound: verspielt, experimentierfreudig. Die Texte: R’n’R’: Romantisch und Rebellisch. Vierzig Stücke haben Stereo Total für dieses Album aufgenommen. Am Ende erscheinen nur 17, um Deine Nerven nicht zu lange zu strapazieren. Mit dabei sind auch ein paar Coverversionen von Stereo Totals Idolen, z.B. Brigitte Fontaine aus Frankreich oder Pedro Almodóvar aus Spanien. Außerdem haben viele Gastmusiker mitgewirkt. Das sind allerdings keine aus Funk und Fernsehen bekannten Name-Drop-Vehikel, sondern Freunde der Band – waschechte Superstars im Warhol’schen Sinne: Gina d’Orio („Cobra Killer“), Vice Cooler („Hawnay Troof“), Miss le Bomb, Becky Ofek („Boy from Brazil“), Can „Khan“ Oral, Anton („Die Dreipunktbande“), Albrecht Kühner („Das Barock- Orchester“), Irma und Lou Schiller (der Kinderchor) – ihre Mutter hat es ihnen erlaubt – und noch mehr Stargäste. Die Gäste singen manchmal nur ein einziges Wort (Divines Handtasche), manchmal eine verrückte Zufallsharmonie (La Barbe À Papa) und manchmal schreien sie wie am Spieß (Babyboom). Besonders hervorzuheben ist noch das Original Oberkreuzberger Nasenflöten Orchester, das mit tinitusartigen Extremtönen seit 1992 die Zuhörer verstört.

Ein R’n’R’-Album: Romantisch und Rebellisch
Die Platte „Baby Ouh“ ist der Versuch, genau die Musik aufzunehmen, die Stereo Total selbst gerne im Radio hören würden. Texte, die anarchisch, anstößig, lustig, auf eine überdrehte Art poetisch, manchmal sehr traurig und manchmal sehr albern sind; begleitet von einer Musik, die mit Flohmarktinstrumenten gespielt wird, auf Kassetten aufgenommen wird und in ihrem LoFi-Verständnis grundsätzlich die vorletzte technische Entwicklung als die beste ansieht. Stereo Total, die sich seit inzwischen fast 10 Jahren auf einer Dauertour um den Globus befinden – mit Touren in Japan, Australien, Nord- und Südamerika und Europa – haben immer versucht, musikalische, technische und vermarktungstechnische Probleme nicht durch Majorplattenfirmen-Geld und Tonstudio-Hi-Technik, sondern durch Ideen zu lösen. Sie veröffentlichen ihre Platten auf vielen kleinen Independentplattenfirmen weltweit, in unterschiedlichen Sprachen, werden in beinahe jedem Land anders wahrgenommen und zugeordnet, und reisen mit einem Minimal-Rockband-Equipment – egal ob sie in Rockclubs oder nachts um 3 auf einem Rave spielen. In den Jahren, als man unter einem „Liveact“ eine Karaoke-Show mit Laptop und Mikrofon verstand, war der Anblick des Duos Stereo Total mit Schlagzeug, Gitarre und Minisampler einigermaßen ungewöhnlich. Ihr Livekonzept ist sehr direkt und einfach: 1, 2, 3, 4 und los. Das Resultat sind sehr exzessive und wilde Shows, die viel mit Françoise Cactus Rock’n’Roll-Vergangenheit bei den ‚Lolitas’ zu tun haben.

Kultiviere das Unkorrekte
Es ist sehr schwierig, dieses spezielle Stereo Total Live-Ereignis auf eine Platte zu übertragen. Deshalb hat die Band auf der Platte „Baby Ouh“ auch versucht, die Lieder mit ‚unproduzierter Rohheit’ aufzunehmen. Lieder wie ‚Divines Handtasche’, ‚No Controles’, ‚I Wanna Be A Mama’, ‚Babyboom – ohne mich’, ‚Wenn ich ein Junge wär’ oder das Titelstück ‚Baby Ouh’ sind der Versuch, die unkorrekte Spielweise einer Konzertsituation zu kultivieren. Das Vorhaben ist, der ultra-manipulativen Welt der Computer zu entkommen und mit sehr einfachen Mitteln ungewöhnliche Dinge zu tun.

Ist dieses neue Album wirklich neu?
„Well!“ Man erkennt sofort den Stereo Total-Sound wieder. Aber hier gibt es mehr Liebeslieder als auf anderen Stereo Total-Alben. Sogar wenn sie hin und wieder unterkühlt vorgetragen werden (wie bei „Alaska“ oder „Larmes de métal“ – „Metalltränen“). Wiederum schmilzt beim Song „Baby Ouh!“ die coole Attitüde weg. Auf dem Album werden auch ein paar Ikonen verehrt oder verarscht: Divine, Andy Warhol… Die Stücke sind kurz. Aufs Minimum reduziert (wenn man von der „Bip-Bip-Musik“ abstrahiert). Trotz ihrer Leichtsinnigkeit und ihrem Leichtsinn verstehen sich Stereo Total als eine politische Band, die alle Grenzen abschaffen und sich für die Befreiung aller Frauen auf der ganzen Erde einsetzen möchte. Sie sehen sich als ein Modell: Möchtest Du Musiker(in) werden? Do it! Denn das, was Stereo Total kennzeichnet, ist ihre Eigensinnigkeit. Sie werfen nur einen gelangweilten Blick auf die Moden und Wellen und MTV-Vorlieben. Sie versuchen, die Musik zu machen, die sie gern hören würden. Wiederum hören sie sich ihre eigenen Platten nach Veröffentlichung niemals freiwillig an: What’s over is over! No future is our future! Aber Du, do it!

Was haben Stereo Total eigentlich seit dem Erscheinen ihrer letzten Platte „Paris ↔ Berlin“ noch gemacht – außer ausgiebigem Touren?
Neben diversen Veröffentlichungen im Ausland haben sie den Film „Nekromantik“ von Jörg Buttgereit live neu vertont und auf dem Kurt Weill-Festival in Dessau Weill-Kompositionen gespielt. Françoise Cactus hatte mehrere Ausstellungen mit Gemälden und hat mit ihren gehäkelten Musikerinnenportraits ihren feministisch- dadaistischen- Wollita- Skandal-Kunstansatz weiter präzisiert. Außerdem hat ihre lebensgroße Häkelpuppe Wollita inzwischen zweimal den Wollita-Kunstpreis vergeben. Brezel Göring hat wöhrenddessen die Extreme zwischen Hoch- und Subkultur weiter ausgelotet: hochkulturell bei seinen Elektronik-Improvisationen gemeinsam mit dem Elbipolis Barockorchester und subkulturell mit der Veröffentlichung der Punk/Elektropunkbands Robotron und Dreipunktbande auf seinem Plattenlabel „Verboten in Deutschland“.