Françoise Cactus’ & Brezel Görings Kommentare
über die „Baby Ouh!“-Stücke

Hallo Damenklo (2’13’’)
Françoise: Die Musik ist originell, wiederum transportiert der Text sozialromantische Stimmung. Ist das nicht total altmodisch?
Brezel: Zwar machen wir als Stereo Total keine sozio-analytischen Lieder, trotzdem wissen wir, in welcher Art von Welt wir leben.

Alaska (2’46’’)
Françoise: Eine kalte und elegante Art, Liebeskummer auszudrücken. Aus lauter Frustration hat sich die unglücklich Verliebte in einen Roboter verwandelt, in ein ferngesteuertes Monster, in einen Kühlschrank.
Brezel: Lo-Fi-Disco mit wackeligen, handgespielten Maschinenklängen

Divines Handtasche (2’27’’)
Françoise: Als Fans von John Waters Filmen stellen sich Brezel und Françoise von Stereo Total die Frage: Was gibt es in Divines Handtasche? Die neugierigen jungen Mädchen wissen es bereits: einfach alles, was zum schlechtem Geschmack gehört.
Brezel: Auf der ganzen Linie eine Zumutung – ein Mädchenchor, der eine Aufzählung des Handtascheninhalts von Divine singt; allerdings befinden sich ‘nicht-kindgerechte’ Dinge in dieser Tasche: eine Tube Vaseline, allerhand bunte Tabletten, ein Hormonpräparat… Das Lied selbst ist als verführerischer Popsong gedacht, der allerdings mit bruitistischen Mitteln realisiert wurde.

Andy Warhol (3’37’’)
Françoise: Und jetzt noch mehr Underground Culture. Dieses Lied ist dem supercoolen Künstler Andy Warhol gewidmet, der Opfer seiner eigenen Coolness wurde, als er Valery Solanas begegnete, die ihm ein paar Kugeln in die Rippen schoss.
Brezel: Die Idee zu diesem Lied kam uns, als wir versuchten den Namen Andy Warhol über 16 Takte zu dehnen Aaaaaaaandy Warhol. Textlich bildet dieses Lied über Andy Warhol und Valerie Solanas zusammen mit den Liedern ‚Alaska’ und ‚Baby Ouh’ eine ‚Verrat und die Folgen –Triologie’: Hier endet die Geschichte in einem Mordversuch, im Lied ‚Alaska’ ist Vereisung die Folge…

La Barbe À Papa (3’)
Françoise: Dieses Lied wurde von Brigitte Fontaine geschrieben. Deswegen ist es poetisch und lustig. Es ist ein Lied über die Nachlässigkeit („nonchalance“) der Jugend.

No Controles (2’36’’)
Françoise: Eine Hymne auf Spanisch: „Kontrolliert nicht Stereo Total!“ Es handelt sich um eine bearbeitete Coverversion, das Original stammt von der spanischen Band Ole Ole.

Du Bist Gut Zu Vögeln (2’51’’)
Françoise: Der Text dieses Kinderlieds wurde von Wolfgang Müller („Tödliche Doris“) und Françoise Cactus geschrieben: Freue dich der Natur und hör den Vögeln(den) zu!
Brezel: Ein komisches Lied über Untreue, unter massivem Einsatz von Vogelstimmen-Schallplatten-Scratching

I Wanna Be A Mama (2’32’’)
Françoise: Stereo Total liebt Almodóvars Filme. Aber dass Almodóvar auch noch eine Band hatte, das entzückte sie regelrecht. Hier singt Brezel, dass er eine Mutter sein möchte. Wiederum ist nicht klar, ob sein Erziehungskonzept vom Papst gesegnet würde.

Babyboom Ohne Mich (2’04’’)
Françoise: Jetzt melden sich die Spaßverderber!
Brezel: Ein Lied gegen praktisch alles: Es existiert auch eine Karaoke-Version dieses Liedes, bei dem man ‚— ohne mich’ selbst einsetzen kann.

Lady Dandy (2’24’’)
Françoise: Okay, maintenant la chanson pour les lesbiennes: Lady Dandy. Was sagt ihr dazu? „Liebe ist nur ein Gefängnis usw…“ Und: Was wäre anders geworden, wenn Lady Gaga sich Lady Dandy genannt hätte?
Brezel: Tiefe Einblicke in weibliches Gefühlsleben-Dandytum. Die Dandyette ist leider eiskalt!

Illégal (2’53’’)
Françoise: Nein, das ist nicht französisch, das ist québecquoué! This strange language they speak in Montréal!
Brezel: Diese unambitionierte Vier- Spur- Kassettenrecorder- Aufnahme (Schlagzeug, Gesang, Gitarre,) war – trotz ihrer Einfachheit, die alle gängigen technischen Standards unterschreitet – in Kanada ein Radiohit. Auf unserer Tour durch Quebec 2009 haben wir dieses Lied geschätzte 8 mal täglich live in verschiedenen Radio- und Fernsehstationen gespielt.

Wenn Ich Ein Junge Wär (1’52’’)
Françoise: Eine Coverversion eines Songs von Rita Pavone, der italienischen Sängerin mit Kurzhaarlocken, Sommersprossen und Lederjacke. Wurde bereits von Nina Hagen gecovert, die dem Lied eine rebellischere Dimension verlieh.
Brezel: Wenn ich ein Junge wär, würde ich bestimmt nicht denselben Technikfetischismus betreiben wie die anderen Jungs: was war eigentlich mal gut an elektronisch produzierter Musik? Einfache Maschinen, die man billig auf dem Flohmarkt kaufen konnte. Schnelle Produktionen, die Hörerwartungen auf den Kopf stellten. Energetische Musik, bei der man nicht wusste, woher eigentlich die Energie kommt. Keine Besserwisserei, weil es bei einer Musik, die gerade erfunden wird, noch keine Profis gibt. Dies ist ein Lied darüber, dass man ewig Amateur/Dilettant bleiben will: bereits die Ankündigung, nach der Geschlechtsumwandlung Mittelstürmer und Motorradmacker zu werden, gibt die Ernsthaftigkeit der männlichen Spezialistenwelt der Lächerlichkeit preis.

Tour De France (2’48’’)
Françoise: Nous sommes modernes, nous sommes sportifs: We are modern, we are sporty. Dieses Lied (von Kraftwerk) ist wie radeln oder auf die Pedale der Orgel treten. Das Kreuzberger Nasenflötenorchester spielt mit.
Brezel: Wahrscheinlich waren sie sehr betrunken als sie dieses Lied aufgenommen haben

Larmes De Métal (2’33’’)
Françoise: Tränen aus Metal. Während die Erde sich erwärmt werden unsere Herzen kälter.

Elles Te Bottent Mes Bottes? (2’36’’)
Françoise: Dieses Lied ist komplett out, etwa wie diese Filmszene in „Die Verachtung“, in der Brigitte Bardot Michel Piccoli fragt: „Magst du lieber meine Haare oder meine Haut?“ oder so ähnlich.

Baby Ouh (5’06’’)
Françoise: Das einzige lange Lied auf der Platte: Es handelt sich um wahre Liebe, und wahre Liebe währt länger. Etwas kitschig: Rhythmus schnell, Gesang lahmarschig. Nicht schlecht diese billige Melodie auf der Elektroorgel.
Brezel: Die Fortsetzung der Verzweiflung mit den Mitteln des Voice-Transformers. Während Musik und Text mit jedem Takt düsterer werden, gibt das Leitmotiv – gespielt mit einem Mickey Mouse-Stimmeffekt – dem Hörer den Rest.

Radiolied (3’26’’)
Françoise: Der Text ist von Udo Lindenberg. Richtig schön. Es stellt dar, wie schlimm es ist, Musiker zu sein. Aber wiederum ist das auch nicht sooo schlimm! Es hängt davon ab, ob man IN- oder OUTtrovertiert ist und ob man seine Vision durchboxen kann oder nicht. Es zeigt auch, es sei womöglich möglich als Fantast und naiver Romantiker durchzukommen. Das Lied wurde kein Hit! Aber immerhin veröffentlicht.
Brezel: Ich weiß nicht, ob du nicht vielleicht über dieses Lied lachst