Stereo Totals drittes Album. Nach “Oh Ah” und “Monokini” nun die wildgewordene Wurlitzer. Eine Musiktruhe voller Überraschungen und doch ist alles von der gleichen Handschrift. War “Monokini” noch hin- und hergerissen zwischen der chansonhaften, von der rockig-punkigen und der elektronischen Seite, so fließt auf “Juke-Box-Alarm” alles ineinander, verbunden durch eine kräftige Breitseite an höchst seltsamen Synthesizer-Sounds.
Dieses Album wurde dreimal in der ganzen Welt aufgenommen (Hamburg, Berlin, Düsseldorf). Zunächst Live eingespielt in einem 60er Jahre Studio in Hamburg auf herrlich alten Maschinen, dann in Berlin zerschnitten, zerstückelt, am Sampler wieder zusammengesetzt, neu verklebt und zuletzt in Düsseldorf im Atatak Studio mit Kurt Dahlke (Pyrolator) wiederum weiterbearbeitet und abgemischt.

Ein neues Album, ein neuer Musiker:
Neben Françoise Cactus (F), Brezel Göring (D) und Angie Reed (I) taucht erstmals auch auf Platte die treibende Hängeorgelkraft des berühmten San Reimo (D) des Berliner Jeans Teams auf.

Ein neues Album, ein neuer Ansatz:
Wo sich Stereo Total sonst aus dem Topf der Einflüsse freizügig bedienten, wird hier ambitioniert aber auch ohne Respekt vor Konventionen versucht, etwas Anderes, völlig Neues zu schaffen. Neue Musik auf der Grenze zwischen poppig und unhörbar. Ungehörte Klänge. Abstruse Kombinationen werden ausprobiert und gelingen. Der stärkere Einsatz von Technik lässt die Platte allerorten zirpen, blubbern, bleepen, knarzen und zischeln. Hot Chocolate treffen die erste Flying Lizards Platte im Übungsraum der Residents unter der Regie von Pierre Henry. Oder so ähnlich.

Ein neues Album, eine völlig andere Stimmung:
War Monokini noch voll auf Unterhaltung, Entertainment, Charme und Humor ausgerichtet, so finden wir auf Juke-Box-Alarm gerade noch zwei Tracks, die entfernt amüsant sind (“Sweet Charlotte” und “Comicstripteasegirl”). Die Atmossphäre der restlichen Stücke ist wechselhafter, auch mal romantisch verklärt und sehnsüchtig (“Touche-Moi”, “Les Minets”) bis hin zu gequält (“Der Schlüssel”) und sogar abgrundtief düster (“Vertigo”). Letzteres unbedingt ein Beispiel für die andere Art von Musikalität auf dieser Platte. Durchgeknallter als alle deutschen Elektroniker zusammen, abgespaceter als das Weltall. Und sinister bis zum letzten Schluß. Disco Morbid? Einfach eine Idee…
Womöglich auch eine Reaktion auf die vielen versüßelnden und ewig gleich klingenden Kritiken zu den letzten Platten? (“…ach so schön charmant, so herrlich französisch, so lieblich…”)

Ein neues Album, die gleiche Verweigerung:
Vor allen Dingen haben die Stereos immer noch keine Lust, sich textlich in die sonstigen deutschen, zumeist kopflastigen Analyse-Konstrukte einzureihen. Die bekannte Stereo Totalsche Leichtigkeit und Spontanität im Umgang mit Sprache wurde noch weiter verfeinert und gleichzeitig verfremdet. Und erstmals ein eigener Song in Englisch: “Holiday Innn”. Natürlich, wer frankophil ist, kann eigentlich nur anglophob sein, aber die Mauer scheint zu brökeln. Und der Wunsch nach Internationalität, bei Stereo Total von je her gegeben, scheint auch durch Touren in USA und Japan nur noch verstärkt. Auf die Spitze getrieben bei der Ode an die Disco-Musik, “Party Anticonformiste”, ein Lied in Englisch, Deutsch und Französisch…, das jeder verstehen wird.

Ein neues Album, ein neues Schwimmbad:
Juke-Box-Alarm ist vom Cover bis zum letzten Ton immer auch die Umsetzung der Absurdität dieser Welt. Projektionen von Apokalypse und Bizarrheit werden diesmal nur manchmal durch Lichtblicke wie Freundschaft und Liebe durchbrochen. Und so geht Juke-Box-Alarm erheblich tiefer in Sachen Gehalt und Musikalität, ist gleichzeitig spektakulärer und intimer. Klanglich sowieso konsequent anders, doch eines sei gewiss: Jeder Ton auf dieser Platte sitzt genau dort, wo er sein soll und kling genau so, wie er klingen soll: nämlich nur! nach Stereo Total 1998.