Von Françoise Cactus

SEXBERATUNG

Als Teenager war ich von umwerfender Hässlichkeit. Ich hatte wirklich die Nase voll davon, hässlich zu sein! Selbst Hunde knurrten, wenn ich vorbeilief. Mein Haar war fettig, das Gesicht voller Akne, die Brüste platt. Dazu eine dicke Brille, hinter der meine Augen wie zwei Bindestriche wirkten. Das einzige, was ich ohne Scham zur Schau stellen konnte, waren meine langen schlanken Beine. Zum Glück waren damals Miniröcke in. Hin und wieder kam es vor, dass ein Mopedfahrer gegen eine Ampel raste. Allerdings nur, wenn er mich von hinten erblickt hatte.
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Doch die absolute Krönung war mein Engagement als freiwillige Tutorin: Jeden Montagmorgen hielt ich im Studiensaal Sexberatungsstunden ab. Alle Internatsinsassinnen wurden um acht Uhr früh im Gymnasium eingeliefert, obgleich der Unterricht erst um zwei Uhr nachmittags anfing. Also wurden sie solange in einen Raum gesperrt, in dem sie ihre Hausaufgaben für die Woche erledigen sollten. Selber vom Wochenende erledigt, schliefen die meisten, bis sie mit ihren Fragen an die Reihe kamen. Ich saß ganz hinten im Raum, und sobald die Aufseherin ihren Schreibtisch verließ, um am Fenster zu träumen, kam eine neue “Patientin” zu mir. Ich war eine der Jüngsten, noch Jungfrau und hatte keine Ahnung von nichts. Aber das wussten sie alle nicht.
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Als Beraterin gab ich Gesundheitsratschläge, Flirtlektionen und Tipps, wie man als Sexbombe gelten konnte, ohne dabei seine “Blume” zu verlieren: “Drei oder vier Höschen musst du unter deinem Minirock tragen – oder Wollpanties. Hallo, hier bin ich! rufen, sobald du einen Klub betrittst. Wenn dir nichts Besseres einfällt, wiederholen, dass du ihn viel toller findest als deinen Vater. Oder Gedichte von Lamartine auswendig lernen und sie im Notfall runterrattern. Mit den Brüsten nach vorne und dem Popo nach hinten durch den Raum wackeln. Lauthals lachen und dabei die Haare vor das Gesicht fallen lassen wie einen Vorhang. Erklären, dass du für diese plumpe Sexgymnastik viel zu romantisch bist – oder zu intellektuell. Wenn du dich das nicht traust, dann behaupte einfach, du hättest eine unheilbare Geschlechtskrankheit!”
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Grundsätzlich war ich an allen Geheimnissen interessiert. Da ich selbst nichts zu berichten hatte, konnte ich besonders gut zuhören. So erfuhr ich immer mehr über jene gefährlich-lächerliche Welt, in der sich jugendliche Liebe und Teenager-Sex abspielen. Das ersetzte locker langjährige Erfahrung auf dem Babystrich.